Das Brutblatt-Imperium

Kennt ihr das Brutblatt? Diese pflegeleichte und äußerst vermehrungsfreudige Sukkulente? Die Pflanze hat schon Goethe fasziniert, da sie in den Mulden der Blattränder vollentwickelte Ableger bildet (sogenannte Kindeln), die dann auch noch bei der kleinsten Berührung abfallen und sich unkontrolliert vermehren können. Das Brutblatt wird bis zu 1,50m hoch und steht im Allgemeinen auf sandig bis kiesiges Substrat und sonnige Plätzchen. Der Pflanzensaft ist giftig (oder wirkt beruhigend, je nach Dosis…oder fruchtbarkeitsfördernd, wie auch immer das zusammenpasst). In meinem Alptraum sehe ich schon die ungute Schlagzeile in der Bild-Zeitung: „Frau schwanger nach Brutblatt-Umtopfen“. Und das wird kein Einzelkind.

Das Brutblatt fand seinen Weg zu mir über eine ebenso pflanzenbegeisterte Freundin. Sie übergab mir das kleine Fläschchen mit den Kindeln mit dem Kommentar „Die werden wohl alle was…“ und einem Blick, der zwischen Freude und Mitleid schwankte. Da ich natürlich keinen Ableger sterben lassen konnte, habe ich einfach alle in die vorhandenen Töpfe und Hochbeete verteilt. Und ja, sie sind alle angewachsen. Ich habe jetzt also den unschlagbaren Vorteil, eine groß angelegte Brutblatt-Wachstumsstudie zum Toleranzbereich der Pflanze durchzuführen. Wie verändert sich der Wuchs bei etwas feuchterem Substrat? Drinnen oder draußen, darf es ein vollsonniger Standort sein oder geht auch Halbschatten? Und ist der Drachenbaum überhaupt ein guter Mitbewohner? Ich werde vergleichen und bin schon richtig euphorisch.

Gegen unkontrollierbare Emotionen hilft oft ein bisschen trockene Statistik, untermauern wir die Wachstumsprognose also mit einer Beispielrechnung: Wir starten mit 25 Brutblättern. In der Anfangszeit gehen wir mal von recht kleinen Pflanzen à zwanzig Blättern aus, von denen nur ganze fünf Blätter zweimal jährlich ca. acht Ableger produzieren. Die Anwachswahrscheinlichkeit liegt bei 100% (Da liegt der Hund begraben!), die Anzahl der Fressfeinde ist gleich Null (nur für’s Protokoll). Nach dieser Rechnung sind wir im ersten Jahr bei 2000 neuen Ablegern. Im zweiten Jahr werden die 2000 Neulinge wahrscheinlich noch keine eigenen Ableger produzieren, dafür kann man aber davon ausgehen, dass die 25 Brutblätter aus dem ersten Jahr gewachsen sind und jetzt vielleicht zehn statt fünf Blätter Ableger bekommen. Macht im zweiten Jahr also trotzdem plus 4000 Ableger. Und schwupsdiwups ist man wieder beim exponentiellen Wachstum. Im dritten Jahr brenn‘ ich die Bude ab.

Ich kann meine Gegner also überraschen und ihnen mal keine vermehrungsfreudige Grünlilie in die Hand drücken, sondern eine kleine Portion Brutblatt-Ableger, die dann ihre Schwarmintelligenz aktivieren und zugleich ihr neues Zuhause überwuchern. Wie Mikroorganismen aus einem Sci-Fi-Drama. Im Englischen wird das Brutblatt übrigens als „Mother of Thousands“ bezeichnet. Wie passend. Ich, Mother of Brutblatt, informiere mich derweil über die Vorteile von Monokulturen und fühle mich ausreichend vorbereitet auf alles, was da kommen mag. Die Grünlilie kann einpacken.

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