Die Saatgut-Sorge

Mal angenommen, man findet auf seinem Balkon vier kleine Hochbeete. Man freut sich darüber und hat sich auch schon entschieden, welches Gemüse man dort anbauen möchte. Und nun schlendert man durch den Baumarkt, sammelt Erde, Töpfe und Tütchen voller Saatgut ein und wird plötzlich durch seinen inneren Klugscheißer unterbrochen. Er fragte mich, ob die Sorten, die ich mir ausgesucht hatte, denn samenfest seien. Zack, die gute Stimmung war im Eimer. Die meisten Sorten den Baumarktregalen sind es nämlich nicht, was dazu führt, dass ich nächstes Jahr wahrscheinlich wieder hier stehe und Saatgut kaufe.

Die Problematik ist folgende: Die meisten im Handel erhältlichen Sorten sind sogenannte F1-Hybride, das heißt, sie zeigen nur in der ersten Tochtergeneration die gewünschten Eigenschaften. Versucht man dann, sie weiterzuvermehren, gehen diese Eigenschaften verloren. Für den Landwirt bedeutet das, das er jedes Jahr auf Neue bei den großen Saatgutkonzernen einkaufen muss – am besten gleich inklusive passendem Dünger und Pestizid und somit in eine Abhängigkeit gerät. Wenn man sich dann lediglich auf wenige ertragreiche Hochleistungssorten konzentriert, geht mit der Zeit ein erheblicher Teil der genetischen Vielfalt der Kultursorten verloren.

Meine professionelle Meinung dazu: Alles Mist. So. Ich habe mich also auch bei der Bepflanzung von meinen Hochbeeten für samenfestes Saatgut entschieden und bin der Bitte meines inneren Klugscheißers nachgekommen. Unter dem Link https://stadt-land-blüht.de/alles-zum-saatgut/ kann man sich noch etwas detaillierter in die Thematik einlesen.

Wo bekomme ich also samenfestes Saatgut her? Mittlerweile gibt es einige Vereine, Stiftungen oder auch Privatpersonen, die sich dem Erhalt dieses Kulturguts widmen und bei denen man auch bequem online kleine Mengen an Saatgut bestellen kann. Hier nur einige Beispiele:

https://samenfest.de/

http://www.bingenheimer-saatgut.de

http://www.dreschflegel-saatgut.de

http://www.garten-des-lebens.de/gemuese-und-saatgut

https://www.kaiserstuehler-garten.de/

https://stadt-land-blüht.de/

Und viele andere…

Ich muss zugeben, dass die Sortenauswahl mich zunächst völlig überfordert hat. Es gibt eindeutig eine Diskrepanz zwischen vier kleinen Hochbeeten und geschätzten 25.000 Tomatensorten (Merkt ihr was? Ist wie mit den Fensterbrettern und der Anzahl der Blumentöpfe…). Ich habe mich also orientierungslos durch die Bestellformulare geklickt und einzelne Gemüsesorten ausgewählt. Natürlich waren darunter gängige Vertreter wie Tomaten, Paprika oder Chili, aber ich habe auch einige Raritäten gefunden und werde jetzt mal die Mondbohnen und Erdmandeln testen. Wird schon schmecken. Wenn nicht, baue ich darauf, dass ich meine Bestellformulare nächstes Jahr wiederfinde und probiere die nächsten Sorten aus.

In den Anzuchttöpfen steigt auch schon die Party und ich stelle fest: ich habe zu kleine Hochbeete. Überraschung.

 

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