Die Würgefeigen-Kinderstube

Wenn jemand in unsere Wohnung kommt, muss diese Person zunächst eine Gartenführung, eine Tour de Fensterbrett über sich ergehen lassen. Ob sie will oder nicht. Hier werden dann sämtliche grüne Raritäten namentlich vorgestellt. Und zwar so lange, bis dem Besucher die Tränen in die Augen steigen und er sich fragt, ob er durch eine überstürzte Flucht dem Hungertod noch entgehen könnte. Meist horchen die Leute jedoch auf, wenn ich ihnen die Bengalische Würgefeige vorstelle. Dann suchen sie irgendeine Killerpflanze, deren tentakelartige Zweige mit Gitterstäben zurückgehalten werden müssen. Dabei sieht sie doch ganz unschuldig aus:

Die Würgefeige (oder auch Banyan-Feige) ist in den Tropen zuhause. Die Früchte werden gefressen, die Samen wieder ausgeschieden und zwischen den Zweigen anderer Bäume beginnen die Jungpflanzen ihr epiphytisches Dasein, d.h. sie sind zunächst Aufsitzerpflanzen. Nach und nach finden ihre langen Luftwurzeln dann den Weg nach unten, wachsen schließlich fest und die Wirtspflanze stirb einen langsamen Tod.

Als Zimmerpflanze sehen sie erst einmal recht unscheinbar aus: charakteristisch sind die leicht ledrigen Blätter und der recht kompakte Wuchs. Ich habe ein Exemplar aus Samen gezogen, es reiht sich jetzt unerkannt zwischen den anderen Pflanzen ein, heißt Winona und mag es sonnig. Da ich die Luftwurzeln aber doch ganz schick finde, werde ich jetzt versuchen, die Würgefeige tatsächlich mal als Aufsitzerpflanze zu ziehen. Ich brauche also einen Baum, den ich eigentlich nicht mehr brauche (???), ein bisschen Erde und organisches Gedöhns zwischen den Zweigen, viel Zeit und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Das Äffchen, das zwischen den Zweigen Partys feiert, die Früchte frisst und mir dann die Bude einsaut, spar ich mir mal. In meinem Fall müssen ein paar alte Bambuszweige, zusammengebunden durch ein Kokosseil genügen. Ich präsentiere – die perfekte Würgefeigen-Kinderstube. In ca. sechs bis acht Wochen sollte sich da etwas tun.

 

Wenn da nix keimt, verkauf ich das als Kunst. Jetzt muss ich die Leute nur auf die ca. 1mm großen, hellbraunen Samen aufmerksam machen, damit sie mich nicht schon beim ersten Fensterbrett für blöd verkaufen, weil sie glauben, ich möchte, dass alte Bambusstöckchen wieder Wurzeln schlagen.

 

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