Neue Quälgeister

Im Dschungel wird es praktisch nie langweilig. In letzter Zeit ist jedoch ein wenig Ruhe eingekehrt, denn durch die feuchte Herbstluft legte die Spinnmilbeninvasion eine Pause ein. Allerdings hat sich unbemerkt ein neuer Quälgeist breit gemacht: Der Trend geht hin zur Schmierlaus (auch Wolllaus genannt). Die kleinen weiß-flauschigen Biester sitzen praktisch überall an der Pflanze und erweisen sich als besonders widerstandsfähig. Mit anderen Worten – wenn man sie bemerkt, ist es eigentlich schon fast zu spät. Sie stehen besonders auf Oleander, Avocados, Olivenbäume und haben auch die Würgefeige in Beschlag genommen. Ein erster Schritt ist es, die betroffenen Pflanzen umzutopfen und dabei auch die Wurzeln gründlich abzuspülen, denn die Schädlinge verlegen ihren Hauptwohnsitz auch gern in unterirdische Gefilde. Nachdem ich mit der Pflanzenwurzeldusche aber fast sämtliche Abflüsse verstopft hätte, kam dieser Lösungsweg für mich nicht mehr in Frage. Doch das ist kein Grund zu verzweifeln, denn gegen jeden Schädling lässt sich auch ein Nützling auftreiben. In diesem Fall sind das australische Marienkäfer.

Die Nützlinge kamen wie immer in einem kleinen Pappröllchen, dabei sollen 25 Käfer für ca. 6m² Innenraum reichen. Ich erwartete also ein paar kleine, graue, hungrige Larven, die ein neues Zuhause in meinem Dschungel finden sollten. Ein zweiter Blick auf das Etikett korrigierte meine Annahme: es waren keine Larven, sondern adulte Käfer. Also die großen, die richtigen. Klang sehr mächtig.

Ich riss den Plastikdeckel vom Röhrchen und sofort machte sich die Führungsebene auf, eine neue Heimat zu finden. Aufgrund eines Kommunikationsproblems krabbelten sie jedoch nicht auf die Pflanzen, sondern in alle möglichen Richtungen. Nach einem zehnminütigen Eiertanz konnte ich Käfer A auf einem Blatt absetzen, während Käfer B, C und D schon fast meinen Ellenbogen erreicht hatten. Käfer E wurde versehentlich in die Heizung geschnipst, Käfer F erreichte meinen Kragen. Der Rest stellte sich tot und bewegte sich erst, als ich mit meinen Fingern im Röhrchen bei ihnen fast einen Herzinfarkt ausgelöst hatte. Ich hätte gern noch die Käfer im Röhrchen fotografiert, war jedoch mit der Situation kurzzeitig überfordert. Schließlich gelang es mir doch, alle Kollegen halbwegs elegant auf den Pflanzen zu verteilen. Lange Reisen machen ja bekanntlich hungrig und so fielen sie auch gleich über das Buffet her.

 

Das Eintreffen der Käfer brachte eine sichtliche Unruhe in die Schmierlauskommune. Ich wusste bis dato nicht einmal, dass die sich überhaupt mal bewegen. Aber in Anwesenheit ihrer natürlichen Fressfeinde meinte ich sogar, tiefe Sorgenfalten auf der Schmierlausstirn zu erkennen und genoss den Anblick. Wir standen ungefähr zwanzig Minuten fasziniert vor der Avocado und beobachteten das Schauspiel. Die kleinen schwarzen Käfer schnitten den Läusen förmlich den Weg ab und machten sich sogleich an die Arbeit. Ich hege große Hoffnungen und stelle mir die Marienkäfer gern in schillernder Rüstung vor. Am nächsten Morgen habe ich auch fast alle Tierchen wiedergefunden. Ich besprühte die Pflanzen nochmals gründlich, um für ausreichend Luftfeuchte und auch Trinkwasser zu sorgen, stellte jedoch fest, dass sie mehr auf das Kondenswasser an den Fenstern abfuhren. Auch gut, dann ist die Bar eben dort.

Alle Besucher in diesem Haushalt haben von nun an die strikte Anweisung, ja keinen Käfer zu töten.

Schmierläuse adé!

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