Familie Ficus

In normalen familiären Beziehungen findet man üblicherweise das komplette emotionale Spektrum, was ein Mensch in der Lage ist zu fühlen. Mit anderen Worten: man liebt sie, man erträgt sie, man fürchtet und vermisst sie. Das geht auch den Maulbeergewächsen nicht anders. In dieser Familie gibt es einen Zweig, der sich in unseren Breiten vor allem als Zimmerpflanze profiliert hat. Also quasi die Warmduscher unter den Maulbeeren. Richtig, hier kommt der Ficus ins Spiel.

A.d.R.: Wird hier nur in der Einzahl verwendet, da mir für den Ausdruck im Plural scheinbar wichtige grammatische Grundlagen abhandengekommen sind (Fici? Fica? Ficusse? Ficen? Lassen wir das.)

Ficus bezeichnet eigentlich die Gattung, aber weil das Wortspiel gerade so gut passt und wir hier keine Stammbaum-Krümelkacker sind, bleiben wir bei „Familie Ficus“.

Was kennzeichnet also ein Familienmitglied? Ein Ficus hat in erster Linie Heimweh, würde lieber in den Tropen und Subtropen herumscharwenzeln und die Blattknospen in die Sonne halten. Wahrscheinlich verspürt er insgeheim eine tiefsitzende Abneigung gegen all die trostlosen Büros, in die er oft abgeschoben wird und dankt es grundsätzlich mit einem leicht giftigen Milchsaft, der austritt, sobald man ihm ans Bein pisst. Mit seinem holzigen Gemüt erträgt er jedoch so einiges. Wer einen Ficus ins Jenseits befördern möchte, der muss es wirklich wollen. Alle Ficusarten werden ausschließlich durch Feigenwespen bestäubt, was schade ist, denn so kann der gemeine mitteleuropäische Büroficus sein tristes Dasein nicht einmal durch Bestäubungsorgien aufwerten.

Orgien finden auf unseren Fensterbänken natürlich ebenso wenig statt. Die Ficus-Vertreter habe ich vorsichtshalber dennoch getrennt, nicht, dass sie sich andere Sauereien ausdenken. Auf Fensterbank Nummer 1 haben wir das namensgebende Familienoberhaupt, den Ficus carica oder auch Echten Feigenbaum. Selbstredend ohne wohlschmeckende Früchte, dafür mit einer gesunden Mischung aus Schmierlauskadavern und australischen Marienkäfern. Diese Belagerung trübt sein Selbstbewusstsein ein wenig, aber das sollte sich nach dem nächsten Umtopfen wieder bessern. Um unsere persönlichen Beziehungen an dieser Stelle nicht weiter zu strapazieren, spare ich mir hier das Foto.

Mit ein wenig Abstand folgt der Ficus microcarpa, die sogenannte Lorbeerfeige. Erinnert an eine kleine Alraune und kann, wenn er einzeln steht, gekonnt Stilbewusstsein und Geschmack bei der Inneneinrichtung vortäuschen.

Über den Ficus benghalensis habe ich schon berichtet: Die Würgefeige steht immer noch im Topf der Avocado und würgt gelangweilt vor sich hin. Sie hat bisher leider kein Geschwisterchen zum Mitwürgen bekommen, denn die Würgefeigen-Kinderstube ist immer noch unbewohnt.

Schließlich fehlen noch der Ficus elastica und der Ficus benjamina, also Gummibaum und Birkenfeige. Als Ausdruck unverwüstlicher Spießigkeit bilden sie mit ihren dezent angestaubten Blättern quasi die Speerspitze der unter Ignoranz aufblühenden Büropflanzen (siehe Birkenfeige im Titelbild, Prädikat extrastaubig).

Der Gummibaum, äußerst fotogen in Szene gesetzt

Das ist natürlich nur eine kleine Auswahl der Ficus-Möglichkeiten, die man in seinem Leben so hat, aber als Einstieg soll das genügen. Ein Ficus ist eben auch ein Kumpeltyp und so spießig er auch sein mag, er ist auf jeden Fall ein treuer Begleiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.