Im Baumarkt

In der Gartenabteilung eines Baumarktes kann man nicht nur Pflanzen einkaufen, sondern auch wunderbar seine Milieustudien fortschreiben, da hier alle Facetten der Pflanzeneinkäufer ein Schaulaufen veranstalten. Ich postierte mich also hinter dem Regal mit den Minipflanzen, mein bevorzugter Platz, da es hier viel zu gucken gibt und man dem Ganzen gleichzeitig einen beiläufigen Anschein geben kann.

Zunächst trifft man auf die Gestalten, die nur „irgendwas für die Wohnung“ suchen. Schrauben, Silikon und Holz wurden bereits erfolgreich gejagt, also schaut man mal in der Gartenabteilung vorbei. Das Ganze findet jahreszeitenunabhängig statt, da man ja nicht extra wegen ‚nem bissl Grünzeug hierher kommt. Sie kaufen erst einmal eine Orchidee und bleiben dann meist an den Pflanzen hängen, die die aufwändigste Pflege erfordern, nur um beim nächsten Baumarktbesuch wieder eine komplizierte Pflanze mitzunehmen, weil der letzte Fehlkauf jetzt im Mülleimer Wurzeln schlägt.

Ebenfalls jahreszeitenunabhängig schlendert das unvermeidbare Hipster-Pärchen durch die Gänge: sie in modischen Schlabberklamotten und mit Goldrandbrille, er in zu engen Hosen, Holzfällerhemd und paralysiert vom eigenen Telefon, welches ihm in den nächsten fünf Sekunden sicher zu tiefgreifenden neuen Erkenntnissen über die Schöpfung verhelfen wird. Ein Besuch im Tierheim hätte nicht emotionaler sein können. Offensichtlich hat der Schwertfarn, ein dauerhafter Exot in den Paradiesgärten großer Baumarktketten, ihr unabsichtlich einen Hundeblick zugeworfen, der signalisierte, dass diese arme Seele gerettet werden möchte. Nach einem zwanzigminütigen Aktshooting, welches das Innerste des Farns offenbarte, wurde dieser endlich in den Einkaufswagen verfrachtet und man beglückwünschte sich zu dieser ausgefallenen Rarität. Zwar nicht fairtrade, geht aber trotzdem. Der Schwertfarn, der bis dato ein Leben in zufriedener Mittelmäßigkeit im Schatten der Drachenbäume geführt hat, ahnte, dass sein Wachstum von nun an unter den strengen Blicken der Öffentlichkeit stattfinden würde und ließ vor lauter Unsicherheit die Zweige hängen. Er tat mir Leid, aber es war so spannend, dass ich noch ein wenig Interesse am Blähton heuchelte, um die Szene weiter zu verfolgen. Es folgte Shooting Nr. 2, im Zentrum der Aufmerksamkeit ein Stillleben aus Farn, Dünger und Keramikübertopf.

Bei den Klassikern unter den Frühblühern findet man eher die ältere Generation. Während die Frau neben den obligatorischen drei Primeln noch 50kg Erde auf den Einkaufswagen wuchtet und man als nebenstehende Person schon die Rückenwirbel knirschen hört, steht er in träumerischer Ekstase vor den Rasenmähern und malt sich bildhaft aus, wie er mit seinem neuen Gefährt jeden noch so versteckten Halm mit absoluter Präzision niedermäht. Wohlgemerkt befindet sich der Einkaufswagen allein in seinem Dunstkreis, er muss sich ja schließlich beim Gucken irgendwo abstützen. Soll die Alte doch die Erde herschleifen, wenn sie unbedingt die Blumenkästen füllen muss.

Randvoll mit neuen Eindrücken beendeten wir an dieser Stelle unseren Besuch im Baumarkt. Ich habe diesmal keine Minipflanze mitgenommen. Auch keinen Blähton. Aber der Schwertfarn hat es mir angetan.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.